Wissenschaft mit Liebe und Leidenschaft

Von Hessam Habibi

Viele von uns, die mit Menschen arbeiten, fragen uns sehr oft: „Wann gelingt eigentlich unsere Arbeit?“. Ich würde sagen definitiv nicht, wenn wir nur reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern, wenn wir es lieben was wir tun. Wenn wir eine lustvolle Bindung an das was wir machen haben. Das sind dabei die Menschen, die Räume, die Aufgaben, die Ideen, die Dinge und Werkzeuge, die uns begegnen und mit denen wir arbeiten. Wenn wir sie lieben, dann entsteht so etwas wie ein vibrierender Draht zwischen uns und unserer Welt.

Der Wissens°raum verbindet

Als der Wissens°raum 2018 in den fünften Bezirk gekommen ist, habe ich einen riesigen Raum, hell mit großen Fenstern gesehen. Am Anfang war der Raum sehr leer, so leer, dass man das Gefühl hat, dass die Stimmen reflektiert werden. Es hat aber nicht lang gedauert bis die Leute in der Nachbarschaft den Wissens°raum und uns gefunden haben. In dem Moment beginnt die große Freude der Arbeit für uns als Vermittlungsteam, weil damit unsere Bindung mit unseren Besucher*innen und ihrer Welt hergestellt wurde. 

Die Kinder und Jugendlichen in der Nachbarschaft vom Wissens°raum kommen rein und spüren, dass dort was passiert. “Man kann Sachen bauen oder basteln und das lassen wir da beim Schaufenster, damit es andere Leute auch sehen und vielleicht sie machen das nach oder machen was Besseres”, erklärte Andrea, eines von vielen Stammkindern, die unser Vermittlungsteam unterstützt hat und sich dabei mit einer Karte, worauf “Junior Explainer” stand, als Teil von uns gefühlt hat.

Ich wusste nicht, dass diese Karte so motivierend für die Kinder war, bis ich von einer Mutter gehört habe, dass die “Junior Explainer” Karten die ganze Zeit getragen wurden. Sahar, ein anderes Stammkind, hat ihre Karte sogar beim Schlafen getragen.

Unsere “Junior Explainer” sowie viele unserer Besucher*innen wussten vielleicht nicht alles richtig und konnten auch nicht alles 100% korrekt erklären und durchführen, aber dafür haben sie Wissenschaft und Technik selber erlebt und damit konnten sie sich richtig damit in Verbindung setzen. Was mich fasziniert hat, war die Energie und Motivation, die unsere Stammkinder reingesteckt haben. Julian, der vielleicht der erste Wissens°raum-Besucher in Margareten war, schaute auf alle anderen Kinder und hat aufgepasst, dass sich niemand beim Schneiden verletzt. Das Engagement von seiner Seite war so groß, dass er nach 18 Uhr, wo wir zumachen mussten, unbedingt bleiben wollte, um uns beim Protokollieren zu helfen. 

Musa und seine Geschwister haben auch viel Zeit im Wissens°raum verbracht. Musa’s großes Projekt war, ein eigenes Instrument zu bauen. Ein Projekt, das Wochen gedauert hat bis es fertig war. Auch wenn am Ende viele Teile schnell und provisorisch gemacht wurden, kam Musa zur Schlussfolgerung, dass “jedes Mal, wenn ich ein Musikinstrument höre, denke ich wie viel Arbeit man machen muss um einen schönen Ton zu bekommen”. 

Mit Liebe und Leidenschaft hat Hessam jahrelang seine Arbeit als Vermittler im Wissens°raum gemacht. Ganz herzlichen Dank dafür! Auch wenn es sehr schade für uns ist – wir freuen uns sehr für ihn, dass er nun eine tolle, neue Herausforderung angenommen hat. Und hoffen, dass er in Zukunft auch als Besucher in den Wissens°raum vorbeikommt!

Und manchmal baut man halt nicht etwas super Komplexes und Geiles, sondern hat eine Kartonrolle und ein Saft-Packerl mit Klebeband geklebt und das passt schon. So hat Ali mit seinem kleinen Cousin ein Instrument in wenigen Minuten gebastelt, während die Mutter auf den Bus gewartet hat. Sie mussten ein paar Busse fahren lassen um ihr Instrument fertig zu kriegen, aber die Freude in ihren Gesichtern nach einer erfolgreichen schnellen Zusammenarbeit ist nicht beschreibbar. 

Schlussbetrachtung 

Andrea, Julian, Musa und seine Geschwister, Ali und sein Cousin und Ich lieben unsere Arbeit und das Schaffen im Wissens°raum; wir interessieren uns für diese Bereiche um ihrer selbst willen. Außerdem haben wir im Wissens°raum unseren Draht zur Welt zum Vibrieren gebracht, weil unsere Selbstwirksamkeitserwartungen intakt sind.

Wir hatten das Gefühl, unsere Freunde, unsere Familien und andere Wissens°raum-Besucher*innen zu erreichen und in dem Raum etwas bewegen zu können. Dadurch erfahren wir uns auch selbst als beweglich, als berührbar: Wir lassen uns erreichen, bewegen und ergreifen, von anderen Menschen, Objekten, Werkzeugen, Experimenten, Musik und von Herausforderungen und damit können wir Wissenschaft begreifen und begreifbar machen. Das nenne ich Wissenschaft mit Liebe und Leidenschaft.

Ohne Liebe, Achtung und Wertschätzung bleibt der Draht zur Wissenschaft, Gesellschaft und damit die Welt einfach stumm und starr.

Titelbild:

Der Wissensraum in Aktion; Bildcredits: Marko Kovic