„Folgt eurer Leidenschaft!“

Ganz im Sinne des weltweiten Fokus auf feministische Anliegen rund um den internationalen Frauenkampftag hat unsere Autorin Jasmin bereits einen Beitrag über das Genie Vera Rubin geschrieben; eine Astrophysikerin, welche unsere Sicht auf das Universum revolutioniert hat. Passend dazu freue ich mich, mein Gespräch mit der Wiener Astrophysikerin Dr. Tanja Rindler-Daller über die großen und kleinen Fragen des Universums mit Euch zu teilen. 

Von Sonja Ornella Schobesberger

Wolltet ihr auch immer schon mal mit einer Astrophysikerin reden? Sie mal ganz direkt fragen, was es mit diesem Urknall auf sich hat und was ihr Lieblingsessen ist? Ob sie Tipps für euch hätte, für den Fall, dass ihr die Naturwissenschaft zum Beruf machen wollt? Herausfinden, was sie motiviert und antreibt? Und nochmal sichergehen, dass Wissenschaftler*innen aus Leidenschaft Menschen vom Planeten Erde und nicht aus einer anderen Galaxie sind?

Das trifft sich gut! Denn die großartige Wiener Astrophysikerin Dr. Tanja Rindler-Daller gibt uns im Folgenden 10 spannende Antworten auf 10 sehr unterschiedliche Fragen: 

Könntest du Dich und deine momentane Tätigkeit in zwei bis drei Sätzen vorstellen?

Mein Name ist Dr. Tanja Rindler-Daller und von meiner Ausbildung her bin ich Astronomin und Physikerin. Man könnte also sagen, ich bin Astrophysikerin, aber die Bezeichnung ist nicht so wichtig. 

Mich interessieren die Zusammenhänge in der Natur, v.a. im Universum, und diese Zusammenhänge kann man mathematisch beschreiben. Meine Tätigkeit besteht daher vor allem aus Berechnungen – am Papier als auch am Computer. 

Hattest du Vorbilder in deinem Leben und speziell in Bezug auf deine Karriere in der Wissenschaft? Wenn ja, welche? 

Nicht direkt was meinen späteren Karriereverlauf angeht. Aber durch meinen Vater und sein Interesse für Astronomie und Mathematik bin ich mit Wissenschaft in Berührung gekommen – und dabeigeblieben. Mein Vater hatte seit jeher ein Bild von Albert Einstein über seinem Schreibtisch hängen und viel später konnte ich erst ermessen, was dieser Physiker geleistet hatte. Das Schöne ist, dass man kein Einstein zu sein braucht, um Mathematik und Physik verstehen zu können. Jeder von uns kann es sich im Prinzip aneignen, so wie das Lernen einer Sprache oder eines Musikinstruments.  Erst wenn man vorhat, die Physik oder Mathematik zu revolutionieren, dann ist es ein Vorteil, ein Genie wie Einstein zu sein 😉

Welche Nachricht würdest du gerne deinem 20-jährigen Ich der Vergangenheit schicken? 

„Verfolge deine Interessen und dein Talent, egal welche Umstände vielleicht dagegensprechen.“ Denn jetzt mit über 40 sehe ich ganz klar, dass man sich nicht durch Dinge wie Arbeitsmarkt oder Moden in der Wissenschaft leiten lassen soll. Die möglichen Arbeitsplatzsorgen der eigenen Zukunft soll man der Zukunft überlassen.

Was ist dein Tipp an junge Menschen, welche eine Karriere in der Naturwissenschaft anstreben?  Gibt es vielleicht einen Tipp, welcher speziell an junge Frauen gerichtet ist?

In gewisser Weise dieselbe Botschaft: Man soll seine Leidenschaft für eine Sache oder ein Gebiet verfolgen. Denn das, was man mit Leidenschaft tut, macht man besser. Das Selbstvertrauen bei Frauen ist viel geringer, daher sage ich: Lasst euch nicht einreden, dass die exakten Naturwissenschaften nichts für euch sind. Dem Universum ist es einerlei, welcher Geist mit ihm ringt. Geschlecht oder andere biologische Unterschiede sind irrelevant. Und scheut euch nicht eure Leistungen anzusprechen bzw. eure akademischen Titel anzuschreiben. Die Welt soll ruhig Respekt vor euch haben.    

Was inspiriert oder motiviert dich, Naturwissenschaft zu betreiben?

Es ist das Gefühl, dass man etwas tut, was unsere menschliche Existenz übertrifft und überdauert.   

Welche Hürden begegnen dir und wie gehst du damit um? 

In meiner wissenschaftlichen Arbeit gibt es immer wieder Hürden, was die physikalische Interpretation von Ergebnissen angeht; manchmal sind es auch mathematische oder programmier-technische Probleme. Dann denkt man halt darüber nach, bis man es gelöst hat, oft natürlich auch indem man Kollegen und Kolleginnen fragen kann. Manchmal ergibt sich eine Lösung auch ganz unverhofft.

Was ist für dich momentan die spannendste Frage deines Forschungsfelds? 

Das ist eine schwierige Frage. Mein Forschungsgebiet ist die Kosmologie – also die Wissenschaft vom Universum als Ganzes. Da gibt es so viele spannende Fragen. Immerhin beschäftige ich mich mit der sogenannten Dunklen Materie, eines der ungelösten Probleme der modernen Wissenschaft. Dunkle Materie besteht wahrscheinlich aus Teilchen, die noch nicht nachgewiesen wurden, und trotzdem müssen sie existieren, um viele astronomische Beobachtungen überhaupt erklärbar zu machen.

Was ist das größte Mysterium im Universum deiner Meinung nach? 

Die Frage, ob das Universum endlich oder unendlich groß sei. Beide Optionen sind einfach unvorstellbar!   

Gab es den sogenannten Urknall wirklich? 

Wir wissen es nicht mit Sicherheit, vielleicht werden wir es niemals wissen. Es sieht zumindest so aus, als hätte es einen Anfang des Universums gegeben, denn viele Beobachtungen sprechen dafür, auch die Tatsache, dass es einen Zeitpfeil gibt, der nur in eine Richtung geht.  Aber ob dieser „Anfang“ vielleicht nur ein Übergang von etwas anderem war, oder ob es einen Anfang gar nicht geben kann, weil die Zeit selbst aufhört zu existieren, je näher man dem „Anfang“ kommt – das sind alles offene Fragen.

Und noch eine letzte wichtige Frage am Schluss: Was ist dein Lieblingsessen?

Die selbst-gebackenen Weihnachtskekse meiner Mutter. Ich konnte sie ja erst unlängst wieder genießen!

Titelbild:

Dr. Tanja Rindler-Daller bei der Arbeit; © Tanja Rindler-Daller