Systemgrenzen, Zeithorizonte und die Rolle der Kunst

Ein Gespräch mit Jeanette Müller (Teil 2)

In Teil 2 der Beitragsreihe zum Interview mit der Konzeptkünstlerin Jeanette Müller geht es weiter im Gespräch zwischen Sonja und Jeanette über Systeme, die Zukunft der Menschheit und was Kunst und Wissenschaft erreichen können.

Von Sonja Ornella Schobesberger

Nachdem mir Jeanette erklärt hat (siehe Teil 1 der Beitragsreihe), was für sie Vertrauen ist, wie und warum Vertrauen gut funktioniert und wir festgestellt haben, dass der Wissens°raum ein Trustroom ist, interessiert mich langsam sehr, welche großen Themen Jeanette bewegen und inspirieren.

Ich höre ihr gespannt zu und verstehe langsam, dass sich sehr viel um den Begriff „System“ dreht. Was ist das genau? Das Wort kommt ja immer wieder vor. Es zu definieren, ist aber doch etwas völlig Anderes. Jeanette erklärt: „Ein System besteht aus vielen Teilen, die miteinander in unterschiedlichen Beziehungen stehen und es ist mehr als die Summe seiner Teile. Im Gegensatz zu einem losen Sammelsurium ist ein System „eine Ansammlung von Dingen – Menschen, Zellen, Molekülen oder sonst etwas – die so miteinander verknüpft sind, dass sie ein für dieses System charakteristisches Zeitverhalten hervorbringen. Sobald wir den Zusammenhang zwischen Struktur und Verhalten erkennen, fangen wir an zu verstehen, wie Systeme funktionieren“, schreibt Donella Meadows, die ich überaus schätze. Ich denke, um Systeme zu verändern, positiv zu beeinflussen, ist es notwendig zu begreifen, wer/was Teil davon ist, welche gegenseitigen Einflüsse und Zusammenhänge, dh. welche Beziehungen und Regeln es gibt – und wo die Grenzen des Systems verlaufen.“

Grenzen

Wir könnten uns sich die Frage stellen, in welchem System wir uns selbst befinden. Und wo liegen unsere Systemgrenzen? Jeanette meint: „Es ist einfach die Welt und das Leben zu begreifen, wenn man Systemgrenzen nur um sich, seinen Clan oder Staat setzt, aber es ist nicht angemessen.“ Ein weiterer Blick könnte einem zeigen, dass man mit vielem mehr in Zusammenhang steht. „Zum Beispiel kann das System Sonja, Jeanette, Wissens°raum, Wien oder Österreich nicht für sich alleine existieren, es ist eingebettet in viele andere, grössere Systeme. Die Unmöglichkeit der weitgehenden Unabhängigkeit oder Abschottung ruft oft Unsicherheiten hervor. Umso wichtiger ist Vertrauen in sich selbst, ins Leben, in Institutionen. Ohne dem und der Fähigkeit zusammenarbeiten zu können, sind wir aufgeschmissen.“ Ich finde, dass es schon viel Mut braucht, seine Grenzen zu erweitern, Komplexes auf sich einwirken zu lassen aber gleichzeitig Vertrauen zu haben… puh!

Aufbau der Ausstellung „77.000 GENERATIONS. Berta says: We need to find a new conception of man”, (c) MUELLER-DIVJAK.art

Wie weit in die Zukunft denken?

Und man könnte ja laut Jeanette noch einen Schritt weitergehen. Habt ihr schon einmal bewusst darauf geachtet, wie weit ihr in die Zukunft denkt? Wie weit in der Zukunft liegen die Dinge, die jetzt eure Entscheidungen beeinflussen? Eine halbe Stunde? Ein Jahr? Vielleicht drei Jahre? Sollten wir und Entscheidungsträger*innen im Kopf haben, was mit den nächsten 7 – oder wie in einer Kunstausstellung von Jeanette und Paul Divjak präsentierten, fiktiven 77 000 Generationen – an Menschen passiert, wenn wir etwas tun? Dieser Gedanke entsteht bei mir nicht zufällig. Jeanette erklärt mir, wie für sie eine

  • Erweiterung von Zeithorizonten für eine gesunde Umwelt und Natur auf unserem Planeten
  • eine Perspektive auf die Welt, die von Systemen und Organismen geprägt ist
  • und eine Rolle der Kunst als Mittel für Visionen

zusammenpassen.

Einerseits plant sie als Teil des Künstlerduos Müller-Divjak eine Ausstellung in der Schweiz namens „Future Lottery“. Die Ausstellung beschäftigt sich mit den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen. Das sind 17 Ziele für unseren Planeten und die Menschheit, welche bis 2030 erreicht werden sollen. „Es ist großartig, dass es eine internationale Bewegung gibt, aber leider bleiben es oft nur Lippenbekenntnisse“, bedauert Jeanette. Hier stellt sich die Frage: Was kann die Kunst tun, um zu verhindern, dass die Welt in ihren Worten „nicht erstickt“? „Kunst wird keine internationalen Verträge erzwingen können, aber sie kann, so wie ich sie sehe, Visionen entstehen lassen – das tut sie ständig. Von bildender Kunst über Filmkunst bis zur Literatur. Kunst kann Bilder und Bewusstsein dazu entstehen lassen, wer wir sein und wie wir leben wollen. Und Kunst kann uns dabei helfen, die schwierige Aufgabe zu bewältigen, weiter in die Zukunft und in größeren Systemen zu denken.“

„So viel Träumen, so viel Leben, Lieben, so viele Eindrücke könnten noch entstehen und wir machen es jetzt womöglich in kurzer Zeit kaputt.“

-Jeanette Müller

77 000 Generationen

Passend dazu berichtet mir Jeanette von ihrer multisensorischen Ausstellung „77.000 GENERATIONS. Berta says: We need to find a new conception of man. Inspiriert vom Wissenschaftler*innen-Duo Maria und Ludwig von Bertalanffy, welche in den 1960er Jahren gewirkt haben, beschäftigt sich die Ausstellung mit „einem organismischen Weltbild“ laut Jeanette. Sie meint: „Der Titel „new conception of man“ (mit man im Sinne von Mensch) soll uns von diesem mechanistischen Menschenbild wegbringen. Der Mensch als Maschine zeigt sich in unserem Sprachgebrauch: Wir müssen funktionieren, meine Batterien sind leer, ich brauch einen Reset. Wir denken uns als Maschine und die Welt leider als Mechanismus statt als Organismus.“ Dass sich Jeanette schon länger mit diesen Themen beschäftigt, ist mir spätestens dann klar, wie ich erfahre, dass sie im Vorstand des Bertalanffy Center for the Study of Systems Science ist.

„Wir sind Teil der Natur und die Umwelt ist Teil von uns. Kunst lässt uns spüren, sie erreicht emotionalere Schichten in uns. Sie kann Kognition und Emotion besser verbinden, als es der Wissenschaft vielleicht möglich ist.“ Als mir Jeanette das erklärt, wird mir auch immer klarer, wie und warum sie möglichst alle Sinne des Menschen ansprechen will. „Was machen Gerüche? Es geht auch um das Tasten, barfuß begehbare Skulpturen, Samen und Blätter zu spüren, Klänge zu hören. Man kommt so in einen anderen Zustand, als wenn man nur in Schuhen durch einen klassischen Galerieraum spaziert.“

„77.000 GENERATIONS. Berta says: We need to find a new conception of man”, (c) MUELLER-DIVJAK.art

„Ich denke, dass Wissenschaft und Kunst viele gemeinsame Nenner haben. Ohne Kreativität gibt es beide nicht. Was alles motiviert, ist wahrscheinlich die Sehnsucht der Menschen, sich selbst und die Welt zu begreifen und unser Leben zu verbessern.“

-Jeanette Müller

Zum Abschluss frage ich sie, ob es bei ihren Ausstellungen um eine Vision geht, die Menschen dazu bringt, anders zu handeln? Sodass eher noch 77 000 Generationen auf dieser Erde leben können?

„Ja, klar. Visionen sind für mich handlungs- und forschungsbedingend, seit ich denken kann. Ich will es mit vielen Menschen möglichst schön haben auf dieser Welt. Es gibt so viele Wunder, vor allem dieses Wunder, nicht allein und handlungsunfähig sein zu müssen, sondern Verbindungen zwischen unterschiedlichen Menschen und ihrem Spüren, Können und Wissen herstellen zu können. Das ist zauberhaft. Verstehen, warum das so ist und was man tun kann, um das zu unterstützen – das war immer das, was mich bewegt hat. Genau wie beim Wissens°raum.“

Glossar
  • Entscheidungsträger*in… eine Person, welche Entscheidungen treffen kann. Oft Entscheidungen, die einen großen Einfluss auf viele Menschen haben.
  • Organismus… das Zusammenspiel der Organe eines Lebewesens als Ganzes oder allgemeiner ein System, dessen einzelne Teile wie „Organe“ zusammenwirken
  • Kognition… beschreibt oft das Denken und Verarbeiten von Informationen im Allgemeinen
Titelbild

 Ausstellung „77.000 GENERATIONS. Berta says: We need to find a new conception of man”, (c) MUELLER-DIVJAK.art, mehr Infos unter https://mueller-divjak.art/77-000-generations/